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Biwakieren mit Gundolf Köhler: Kein Wuschelkopf

Spätsommer 1981

Ein knappes Jahr nach dem Anschlag auf das Oktoberfest wird in Frankfurt am Main beim Hessischen Landeskriminalamt der ehemalige Vize-Unterführer der Wehrsportgruppe Hoffmann, Heinz-Arndt Marx (er sollte Jahrzehnte später in kurzen Hosen und Camouflage mit Ulrich Chaussy Fernsehgespräche führen) vernommen. Im Zentrum der Vernehmung steht die Frage nach der Bekanntschaft mit dem angeblichen Wiesn-Attentäter Gundolf Köhler aus der Zeit der WSG.

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Die Niederschrift dieser Vernehmung wirkt merkwürdig dürr; um 12 Uhr 30 unterbrach man diese denn auch und bewirtete Marx mit einem Mittagessen. Häftlingskost.

Der ehemalige Wehrsportler war in seinem jungen Leben schon viel herumgekommen. Er hatte einige Jahre in der WSG gedient, später war er mit Hoffmann in den Libanon gegangen und hatte sich dort dessen Kampfgruppe angeschlossen. Wie Hoffmann und andere war er nach seiner Rückkehr aus dem Nahen Osten eingesperrt worden und man hoffte darauf, den Mann im Verfahren gegen Hoffmann zu einem nützlichen Zeugen machen zu können.

Dieser Marx hatte im Juli 1976 bei einer Übung der WSG Gundolf Köhler kennen gelernt. Als Neulinge hatten die beiden gemeinsam biwakiert und sich bei dieser Gelegenheit ausgiebig unterhalten; mit einer gewissen Neugier versuchte Marx, Köhlers Ansichten zu erkunden. Auf die Frage des hessischen Kriminalbeamten beschreibt Marx seine Erinnerungen an den jungen Burschen, der schon an seinem zweiten (und letzten) Tag mit einer selbstgebauten „Handgranate“, die freilich eher ein Böller gewesen sein wird, unangenehm auffiel.

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Nachdem der „Chef“ zu seinem Ärger erfahren hatte, dass Köhler einen selbst gebastelten Knallkörper zur Fahrt am Übungsgelände mitgebracht hatte, ließ er den Neuling sofort von der Pritsche des Unimog absitzen. Köhler warf seinen Bums hinter eine Fichte, man ging in Deckung, lachte wohl einmal kurz und trocken. Von Splitterwirkung war keine Rede; das ganze war ein alberner Streich gewesen.

Dies alles wäre nicht der Rede wert, wenn Gundolf Köhler nicht Jahre später, zumindest im Bewusstsein der Öffentlichkeit, als dämonischer Massenmörder in Erscheinung getreten wäre. So entwickelten sich aus den von Marx geschilderten, wenig aussagekräftigen Vorkommnissen wilde Blüten eines vorgeblichen Charakterbildes des jungen Köhler.

Da es nun aber um den dämonischen „Einzeltäter“ ging, fragte man Marx in diesem Herbst 1981, ob er denn den Köhler auch auf einem Lichtbild wiedererkennen würde. Schließlich legte man ihm genau jenes Foto vor, das Köhler als Wuschelkopf zeigt, jenes Foto, das Köhler angeblich so zeigt, wie ihn die Zeugen auf der Wiesn gesehen haben wollen. Das Foto mit dem typischen Wuschelkopf eben.

Und was geschieht?

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Marx erkennt Köhler mit Wuschelkopf nicht. Diese Person ist ihm völlig unbekannt.

Im Anschluss zeigt man Marx ein Bild Köhlers, das diesen mit kurzen Haaren zeigt, in jenem Zustand der Frisur, der auch am Tag des Oktoberfestattentats auf seinem Kopf zu beobachten gewesen war.

Marx erkennt Köhler sofort. Sofort ist er sich sicher, den jungen Mann zu kennen.

Eine Person wie Marx, der mit Köhler biwakiert hatte, ausführlich mit ihm sprach und ihn im Gelände kennen lernen konnte, war also nicht in der Lage, Köhler mit seinem Wuschelkopf auf dem fast schon mythologischen Foto, das durch die Presse ging, zu erkennen.

Aber die Zeugen beim Wiesn-Attentat, die konnten das. Aus teils großer Entfernung, beim ersten Sehen, in einer Menschenmenge. Sahen sie einen Wuschelkopf, und Köhler war keiner.

Diese Zeugen haben einen anderen gesehen, nicht Gundolf Köhler; einen echten Wuschelkopf. Oder die Phantasie ist mit ihnen durchgegangen, wenn nicht Schlimmeres.

5 Gedanken zu „Biwakieren mit Gundolf Köhler: Kein Wuschelkopf“

  1. Quatsch! Bei dieser Übung sprang keiner von einem Unimog, weil kein Fahrzeug benutzt wurde. Diese Übung, „allgemeine Übung“ genannt, fand in den Wäldern bei Heroldsberg statt, alles wurde per Fußmarsch zurückgelegt.

  2. Rudolf Brettschneider sagt:

    Herzlich Willkommen; wir überprüfen das. Ein wenig Freundlichkeit könnte allerdings in Zukunft nicht schaden.

  3. Rudolf Brettschneider sagt:

    Lieber Herr Marx, Sie haben sich im Jahre 1981 mehrfach vor den Ermittlungsbehörden zu Ihrem Zusammentreffen mit Gundolf Köhler am letzten Juliwochenende 1976 geäußert, zuletzt in einer Vernehmung vor dem hessischen LKA am 03.08. 1981 (V/1-P-8244 Zeugenvernehmung).
    Bei dieser Vernehmung schildern Sie das Vorkommnis auf insgesamt 5 protokollierten Seiten (Blätter 0 05968-72).
    Von einem Fußmarsch berichten Sie weder in dieser noch in vorangegangenen Aussagen.
    Auch die anderen Zeugenaussagen in diesem Zusammenhang deuten nicht auf einen Fußmarsch hin.

  4. Arndt-Heinz Marx sagt:

    Bei den damaligen Vernehmungen, war die Frage, ob es sich um einen Fußmarsch handelte oder wir auf einem Unimog saßen so interessant wie ein in China umfallender Sack Reis. Ich wurde nicht danach gefragt, wie wir uns fortbewegten. Da ich im Gegensatz zu anderen Leuten hier aber Zeitzeuge bin, viele schwammen zu dieser Zeit noch im Rückenmark ihres Erzeugers herum, erinnere ich mich im Rückblick sehr gut daran. Es wurde von Heroldsberg, Sofienhöhe 5 in den nahe gelegenen Wald ausmarschiert (bei Dunkelheit) und am nächsten Vormittag zurückmarschiert. Es wurde weder ein Unimog noch ein anderes Fahrzeug eingesetzt. Köhler wurde von Onkel Micki während des Marsches aufgefordert bei passender Gelegenheit das Ding wegzuschmeißen. Wir gingen in einer Waldschneise hinter Holzstapel und Bäumen in Deckung, Hurratüte auf und Köhler schmiß das Ding weg. Gab einen lauten Knall und das war´s.

  5. Rudolf Brettschneider sagt:

    Lieber Herr Marx, da Sie sich hier doch in einer recht vorlauten Weise und sachlich unzutreffend zu Wort melden, werden wir Sie in einem eigenen Beitrag „verarzten“ müssen. Ein wenig Geduld.

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