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Traum und Untergang der Wehrsportgruppe Hoffmann III: Der Deutsche Herbst

November 1977, Gemeindesaal Heroldsberg in Franken

Nachdem der Vorsitzende des Hochschulbundes Tübinger Studenten, Axel Heinzmann, seine Ansprache als Vorredner beschlossen hat, tritt Karl Heinz Hoffmann an das Podium des Gemeindesaals in Heroldsberg. Hoffmann wohnt seit einiger Zeit in einer Villa im Ort; der Pachtvertrag für Schloss Almoshof war auf Betreiben der öffentlichen Verwaltung aufgelöst worden.

Es soll eine politische Ansprache werden, der Saal ist prall gefüllt. Jahrelang hatte sich Hoffmann nicht öffentlich politisch geäußert, auch weil man ihm und der WSG in zahllosen Gerichtsverfahren Verstöße gegen § 3 Versammlungsgesetz vorgeworfen hatte: Tragen einer einheitlichen Kleidung bei politischen Versammlungen. Dieser Vorwurf war zu einem Hauptausgangspunkt justizieller Schikanen gegen die WSG geworden und hatte durch fortgesetztes Ignorieren autoritärer behördlicher „Empfehlungen“ zu einem weitgehenden Rückzug der WSG aus der Öffentlichkeit geführt.

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(Plakatankündigung von Hoffmanns Ansprache am 12.11. 1977 in Heroldsberg)

Es ist der „Deutsche Herbst“; Hanns-Martin Schleyer war wenige Wochen zuvor ermordet worden. Hoffmann spricht über die Frage der Gerechtigkeit in der BRD und geht dabei auf Beobachtungen zu unseriösen Verwaltungspraktiken und eine aus seiner Sicht politisch gesteuerte Justiz im Land ein. Für die Observationskräfte des Verfassungsschutzes muss der Eindruck entstehen, dass Hoffmanns rationaler Argumentationsstil eine Provokation darstellt: Schließlich handelt es sich doch um den Anführer einer „Wehrsportgruppe“, einer Vereinigung, die man für nazistisch hält und gern verächtlich macht.

Man kennt ihn zwar schon ein wenig, hat aber noch wenig politisches Material von ihm. Unbeirrt durch die irrwitzige politische Atmosphäre in diesem Herbst reiht Hoffmann ein Argument an das andere wie ein geduldiger, aber bestimmter Lehrer. Der schroffe Kontrast zum Bild Hoffmanns in den Medien, dem Bild eines verrückten Dämons, halb Nazi und halb Faschingsprinz, passt nicht in das analytische Schema.

Verbirgt der Mann etwas? Und wenn ja, was? Die Menschen im Saal folgen dem Redner aufmerksam; Zwischenrufe sind nicht zu hören. Die Observationskräfte unter den Zusehern, welchen Reim machen sie sich auf diese Enttäuschung?

In den vorangegangenen Jahren hatte sich Hoffmann nicht politisch geäußert; die WSG hatte sich stark entwickelt und war sowohl zu einem bundesweiten so genannten Medienereignis als auch zu einer lokalen Größe geworden. Das Vereinsleben spielt sich vor allem an den Wochenenden ab. Im Regelfall erscheinen die Männer der WSG am Freitag Nachmittag zu den Übungen, biwakieren dann unter Feldbedingungen und rücken am darauffolgenden Tag zu einer Übung aus. Manchmal werden auch andere Arbeiten verrichtet, etwa denkmalpflegerischer Art. Man hat vor Ort einen gewissen Beliebtheitsgrad gewonnen. Die Menschen grüßen die Hoffmann-Truppe, wenn die in Tarnfarben gestrichenen Fahrzeuge der WSG an ihren Häusern vorüberfahren.

Immer wieder ist die Polizei hinter der WSG her, aus unterschiedlichsten Gründen und unter unterschiedlichsten Vorwänden. Man hat Hoffmann „am Kieker“ und der Kleinkrieg mit den Behörden nimmt teilweise absurde Ausmaße an. Gleichfarbige Krawatten und Hemden unter einer Faschingsgesellschaft, die von WSG-Mitgliedern besucht wird, genügen für ein Verfahren.

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(Flugblatt eines Unterstützers der WSG zu einem Gerichtsverfahren, 1976)

Nicht ohne Grund ist im Umkreis Hoffmanns vom Plan der Behörden die Rede, die WSG „in den Untergrund zu drängen“. Die Wut auf beiden Seiten, aber auch die Verbissenheit der juristischen Auseinandersetzung, wächst. Die großen Medien arbeiten weiter mit Hochdruck am Bild der „Neonazihorde“, das noch Jahrzehnte später bestimmend sein wird. Das Vereinsleben geht aber weiter, viele junge Männer empfinden es als eine Ehre und eine Freude, Kamerad der WSG zu sein. Männer und Frauen der Gegenseite, zu der sich nicht nur die Behörden sondern auch antifaschistische Aktionsgruppen und politische Vorfeldorganisationen zählen, sehen dagegen die WSG immer stärker als einen Feind, manchmal als die Verkörperung des Bösen, an.

Und die Gerichte haben in Hoffmann einen modernen Michel Kohlhaas gewonnen.

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(Hoffmann mit Männern der WSG, 1977)

Diejenigen, die Hoffmann als einen bedrohlichen Gegner sehen, stehen in diesem für Deutschland so schicksalsschweren Jahr 1977 allerdings vor dem Problem, einen waffenlosen Widersacher zu haben, der für die meisten Menschen nur in den Medien existiert. Mit einem sicheren Gespür für die offenen Wunden in der kollektiven Erinnerung der BRD und die Tücken ihrer öffentlichen Debatten, ihre holzschnittartige Wahrnehmung ästhetischer Phänomene und ihre verdrängten politischen Komplexe spielt der Werbefachmann Hoffmann auch ein wenig mit den Medien.

Diesem Cocktail sind zu allem Überfluss Momente einer echten militärischen Begeisterung, eines Funkens jener Verfassung männlicher Gemeinschaft beigemengt, die in der bürgerlichen Gesellschaft niemals dem Rahmen der staatlichen Monopolgewalt und seiner Gedankenherrschaft entzogen sein dürfen. Der durch das Phänomen des Terrorismus zutiefst verunsicherte westdeutsche Staat muss in diesem Aufblitzen des kriegerischen Ur-Elements, und wenn es auch noch so klein und legal und medial verzerrt ist, einen furchtbaren Angriff erblicken. Obwohl er sich bis heute nicht entscheiden kann, ob es sich bei der WSG um eine Karnevalstruppe oder eine Terrorbande gehandelt haben soll, ist die bürgerliche Macht immer noch nicht in der Lage, die Substanz dieses Angriffs angemessen zu benennen.

Zu schäbig ist das Verhältnis des bürgerlichen Staates zum Krieg.

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(„Kameraden von der Polizei“, Titel eines an einfache Polizisten gerichteten Flugblatts, 1976)

Bei alledem kommt es nicht zu einem Verbot der WSG, dazu besteht kein juristischer Anhaltspunkt. Anstatt in den Untergrund zu gehen oder gar Bomben hochgehen zu lassen, provoziert Hoffmann durch die Andeutung eines Schulterschlusses mit einfachen Polizisten.

Es ist nicht rekonstruierbar, was der zuständige Sachbearbeiter des Verfassungsschutzes bei der Analyse jenes Flugblatts niederschreibt, in dem Hoffmann die einfachen Polizisten, die ihn verfolgen sollen, „Kameraden“ nennt.

Geht man von den Dingen aus, die da von Seiten der Dienste in den darauffolgenden Jahren geschehen sollten, wird er keine rationale Analyse gewesen sein, der behördliche Schriftsatz, verfasst so kurz vor dem Deutschen Herbst.