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Unkraut-Ex und Puderzucker gegen US-amerikanische Besatzungssoldaten

Freitag 10. Dezember 1982, Flughafen Frankfurt am Main

Bei scheußlichem Regewetter machen sich drei gut gelaunte junge Männer zu einem Wochenendtrip nach Paris auf. Leicht aufgekratzt und „typisch“ gekleidet begibt man sich zum Schalter der Fluggesellschaft. Flugtickets sind schnell gekauft; nach der Passkontrolle wird ein Kaffee getrunken.

Die drei jungen Männer sind Walter Kexel, Odfried Hepp und Hans Peter Fraas, und sie wissen, dass sie seit geraumer Zeit observiert werden. Die Kameraden von der anderen Feldpostnummer sollen ihnen aber nur dabei zusehen, wie sie nach Frankreich fliegen.

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(Anklageschrift gegen Dieter Sporleder, 1984)

Tatsächlich will man sich also ein Alibi verschaffen für Anschläge auf US-Soldaten im Rhein-Main-Gebiet. Kexel hatte sich überlegt, Unkraut-Ex mit Puderzucker zu vermischen, Feuerlöscher damit zu befüllen und diese mittels einfacher batteriegespeister Zündpillen in die Luft zu jagen. Das soll alles bei Nacht und Nebel geschehen, während man sich offiziell in Paris aufhält und es sich dort gut gehen lässt.

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(Anklageschrift gegen Dieter Sporleder, 1984)

Die Gruppe um Kexel benutzt also genau jene Verdacht erregende äußere Erscheinung, die sie mittlerweile aufgrund ihrer durch Banküberfälle erworbenen Bargeldbestände abgibt, als Tarnung für die geplanten Anschläge: Die jungen Männer verpulvern Geld auf einer Reise nach Paris; wie es sich für Bankräuber gehört. Als Fahrer für die verdeckten Transporte aus Frankreich werden Leute wie Blasche oder Tillmann herangezogen, die eher das Äußere von Theologiestudenten abgeben als das von so genannten Rechtsterroristen. Die Irritation auf Seiten der Observanten ist groß; man hat sich falsche Bärte angeklebt.

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(Anklageschrift gegen Dieter Sporleder, 1984)

In der Nacht zum 14. Dezember, wenige Stunden nach dem heimlichen Grenzübertritt, werden die präparierten Feuerlöscher in der konspirativen Wohnung „Giovanni“ in Frankfurt übernommen. Die Gruppe bildet drei Kommandos zu je zwei Mann. Jedes Kommando steuert ein Ziel in der Umgebung an, ein Fahrzeug eines US-Soldaten, leicht auszuwählen anhand des Kennzeichens. Man nimmt solche Fahrzeuge, deren Vordersitze mit Fellen bespannt sind, wie es damals Mode war. Unter den Fellen platziert man die Druckschalter, die den Kontakt zwischen den Batterien und den Zündpillen in den Feuerlöschern herstellen sollen. Die Feuerlöscher sind dünnwandig, also nicht ernsthaft verdämmt und entfalten kaum eine nennenswerte Sprengwirkung. Es handelt sich um einfache Brandbomben.

Trotz schwerer Verletzungen sind die beiden betroffenen Soldaten nach einigen Wochen wieder dienstfähig. Der Dritte bleibt unverletzt. Die Verletzten tragen bleibende Schäden davon. Nicht so im Fall jener Bombe, die Fraas scharf machen soll. Die geht nicht los.

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(Anklageschrift gegen Dieter Sporleder, 1984)

Der gute Fraas hatte sich also nicht dazu entschließen können, einen US-Soldaten schwer zu verletzen. Das darf durchaus als eine Merkwürdigkeit in diesem Fall gewertet werden, ähnlich wie der Versuch einer unglaubwürdigen Legendierung des Auffliegens der Gruppe im März durch denselben Fraas oder dessen Vergesslichkeit bezüglich des Wohnungsschlüssels zur konspirativen Wohnung „Giovanni“ am Abend der dortigen Verhaftung. Mildernde Umstände.

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(Dieter Sporleder am Tatort)

An Merkwürdigkeiten ist freilich das gesamte Auffliegen der Gruppe und später der Prozess gegen sie nicht frei. Bei jenem Lagerfeuer in der Lüneburger Heide, an dem nicht nur die Gruppe sondern auch die CIA-Kasper Hagen und Fiebig teilgenommen hatten, und das im Prozess weitgehend folgenlos thematisiert worden ist, war auch ein gewisser Peter Naumann dabei gewesen. Dessen Name fehlt in den relevanten Akten, warum auch immer. Er hat die Chance, seine Rolle in diesem Stück hier auf dem Blog zu erklären.

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(Anklageschrift gegen Dieter Sporleder, 1984)

Wurden jene Erdverstecke, die man in der Anklageschrift gegen Sporleder so gerne Kexel zuschreibt, wirklich von Kexel angelegt? Oder wurde hier die Gelegenheit genutzt, unliebsame Tatsachen genauso wie unliebsame Namen in ein paar eleganten Sätzen Beamtendeutsch zu entsorgen? Wie kommt es, dass – angeblich – Kexel die Erdverstecke genau in jenem kleinen Wäldchen anlegt, in dem auch die „RAF“ ihre Verstecke gehabt haben soll?

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(Anklageschrift gegen Dieter Sporleder, 1984)

So ein Rücktritt von der Tat ist eine feine Sache, genauso wie der Umstand, in einem Ermittlungsverfahren nicht aufzutauchen, das einen eigentlich frontal betreffen müsste.

Die Gruppe um Kexel wurde auch wegen der perfekten und humorvollen Tarnung, die sie für diese Anschläge gewählt hatte, nicht von der Polizei erwischt, auch später gar nicht für eine Täterschaft in Betracht gezogen. Aber für das Auffliegen der Gruppe fehlt eine glaubwürdige Begründung; Fraas hat mit seiner Legende dazu keinen ernsthaften Beitrag geleistet, im Gegenteil. Und nach dem „Umfallen“ von Dieter Sporleder in den ersten Vernehmungen wusste man recht schnell, wo die Erdverstecke des Walter Kexel zu finden waren, mit deren Inhalt die Beweisführung gegen die Gruppe nur noch ein Kinderspiel war.

Es bleibt eine verstörende Ungewissheit. Sicher ist nur, dass hier in der derben und verhängnisvoll gegenständlichen Bildersprache junger Männer den Besatzern „Feuer unterm Arsch“ gemacht werden hätte sollen.

Erreicht wurde das Gegenteil.

 

3 Gedanken zu „Unkraut-Ex und Puderzucker gegen US-amerikanische Besatzungssoldaten“

  1. Mogadisch sagt:

    Es wird immer das Gegenteil erreicht werden
    Es soll immer das Gegenteil erreicht werden.
    MIHOP, LIHOP, das zieht sich durch seit Cäsar einen Aufstand der Gallier erfand, die Nachrichtenhoheit hatte und dann mit den ihm gesandt Truppen Rom übernahm.

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