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Der Böller, das finstere Zeichen

März 2015, kleiner Sturm in Berlin

Wer hat den Staatsterrorismus erfunden? Haben nicht schon die Römer ihre eigenen Städte abgefackelt, die Perser den unliebsamen Thronfolger vom Feind abstechen lassen? Der moderne Staatsterrorismus ist etwas anderes: Er braucht die hysterische Presse, denn er ist nur ein Schmierentheater, und er braucht den Zeitzünder, der am Böller hängt. Es muss also etwas sein, das mit der Demokratie zu tun hat, mit fehlender Zeit und dem Verhängnis, die Proleten in die Gespräche der Herrschaften an der geschmückten Tafel hineinzuziehen, sie dafür nicht nur bluten sondern auch noch an der Schuld teilhaben zu lassen. Es ist ein technologisches Volkstheater mit begrenzten Personenschäden und verheerender Wirkung, eine demokratische Zumutung.

Böller gehen ja gern zur Jahreswende hoch, oder wenn man daran erinnern will, dass etwas in einen neuen Aggregatszustand übertritt, zum Beispiel in den Zustand der Ehre, der oft mit dem Tod oder einem Abschied verbunden ist. Und der Soldat oder der dumme Junge, der es krachen lässt, denkt sich am wenigsten dabei. Der will seinen Imbiss nach getaner Arbeit und den Kuss nach dem festlichen Umzug.

Wer sich mit den russischen Anarchisten der späten Zarenzeit beschäftigt, der wird schnell feststellen, dass diese Bombenleger kein Programm und keine Ahnung hatten und dass sie Großteils im Lauf ihres Lebens Polizisten wurden oder von Anfang an Polizisten waren. Die Leute, die das Neue herbeibomben wollten, waren dieselben, die von den Herren den Auftrag erhielten, die neue Zeit durch den billigen Schrecken ihrer Böller aufzuhalten. Gemeinsam war ihnen die Angst vor der Zeitmauer, der Revolution, die sie als Flammenwand verkauften.

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(Personenakte des Genrich Grigorjewitsch Jagoda, Terrorist und Spitzel, Anarchist und Chef der stalinistischen Geheimpolizei)

Terroristen und Polizisten sind gute Menschen, sie wollen das Schlimmste verhindern, und das macht sie so anfällig für die Fürsorge des Staates, seine Steuerung und Kontrolle. Es sind keine freien Menschen.

Die Drohung der neuen Zeit besteht auch heute wieder, durch die ungeheuren technischen Veränderungen, die unsere Herren bösartig machen, weil sie sie nicht verstehen. Unfreie aller Länder und Systeme vereinigen sich und stehen voller Angst vor der Zeitmauer, denn es sind schwache Menschen. Sie wollen uns im Dienst ihrer Herren vor dem Schlimmsten bewahren, also davor, selber zu denken und so zu leben, wie es denen nicht recht sein kann, die uns beherrschen. Trotzdem folgen sie dem dunklen Drang, den notwendigen Übergang mit ihrem platten, pathetischen Horror zu markieren, auf die eine oder andere Art in irriger Absicht.

Wo aber der demokratische Böller als solcher erkannt wird und die Menschen sich von der Bevormundung der Gefühle lösen, auch wenn alles im Theaterdonner untergeht, dort kann es ein freies Leben geben. Ohne Polizisten, Terroristen und überhaupt gute Menschen und ohne lächerliche Geschichten vom Schwarzen Mann mit dem verbotenen Zeichen auf der Stirn.

„An der Zeitmauer verschwimmen Recht und Grenze; Schmerz und Hoffnung treten an ihre Stelle.“ (Ernst Jünger)