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Gundolf Köhler: Antifaschist und konservativer Grüner?

Bayerisches Landeskriminalamt in München, 13. Mai 1981

Die Mitarbeiter der SOKO Theresienwiese haben fertig; Köhlers persönliches Umfeld ist ausgeleuchtet worden bis in den letzten Winkel, obwohl Staatsschutzchef Langemann kurz nach dem Anschlag, noch vor den Ermittlern, investigative Journalisten bei Gundolfs Bekannten und sogar Angehörigen vorbei geschickt hat. Es haben sich keine ernsthaften Verbindungen zur „rechten Szene“ ergeben, da war nichts.

Zum Verzweifeln; als ob man den Köhler für seine Sündenbock-Verwendung ein wenig zu oberflächlich ausgerastert hätte. Dass man – ganz woanders als in der„rechten Szene“ – durchaus erfolgreich suchen hätte können, steht auf einem anderen Blatt. Aber dort hat die Polizei bis heute nichts zu suchen.

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(Gundolf Köhler im Sommer 1980)

Zu allem Überfluss musste, mit Hilfe der Aussagen nächster Angehöriger, für die Jahre vor dem Anschlag auch noch ein politischer Sinneswandel dokumentiert werden:

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(Schlussvermerk des BLKA vom 13.5. 1981, S. 131)

Köhler hatte nach der Bundeswehr die Schnauze voll von der „rechten Szene“, wie sie auch immer schattiert gewesen sein mag. Und wenn Ullrich Chaussy noch 35 Jahre später das Gegenteil behaupten wird: Gundolf war auf viele Argumente seines linkslastigen Bruders Hermann eingegangen und hatte sich im politischen Gespräch mit ihm verändert.

Axel Heinzmann, der ihn früher gekannt hatte, wurde 1980 einfach abgewimmelt; Gundolf bereist Europa und stellt französischen Damen nach. An der Uni langweilt er sich manchmal und ärgert sich mit wichtigtuerischen Dozenten-Schreckschrauben herum. Ab und zu empfindet er noch immer national, lässt Sprüche vom Stapel, die das Establishment (o du Schreck, was für ein Makel für einen jungen Mann!) nicht mit 100 Punkten bewerten kann.

2

(Schlussvermerk des BLKA vom 13.5. 1981, S. 131)

Ein Mensch mit seinen Widersprüchen, ein unreifer junger Mann, der seinen Weg sucht und sich nicht vollkommen anpasst. Es braucht schon sehr eifrige Lügenpresse oder einen ganzen Haufen antifaschistische Kammerzofen, um einen solchen Burschen zum Rechtsterroristen zu stilisieren.

3

(Wahlplakat für die Grünen zur BT-Wahl 1980, gestaltet von Joseph Beuys)

Gundolf neigte in diesem Jahr zu den Grünen; betrachtet man sich heute den Ministerpräsidenten seines Heimatlandes, dann wird klar, dass Gundolf durchaus in der konservativen Richtung dieser Partei seinen Platz finden hätte können. Oder er hätte – nach dem nächsten Gesinnungswandel – ein Praktikum bei einer linksliberalen Zeitung machen und als mustergültiger Antifaschist hervortreten können.

Ein netter Antifaschist womöglich, vielleicht nicht ganz so ideologisch verbohrt wie andere.

In Wirklichkeit aber schickten sie ihn zum Sterben und Schuldigsein.

4

(Schlussvermerk des BLKA vom 13.5. 1981, S. 131)

Sogar mit dem offiziellen Antifaschismus hatte Gundolf seinen Frieden gemacht. Und genau daraus wollte man ihm, und will das bis heute, einen Strick drehen.

In der so genannten zeitgeschichtlichen Literatur (inspiriert von einer Scheinspur, die man zur Ablenkung von Köhlers tatsächlichen Münchner Kontakten aufgebauscht hatte) ist von Köhlers Teilnahme an einem Vortrag über Konzentrationslager die Rede. Das soll „revisionistisch“ daherkommen, ihn zum Nazi stempeln, als ob ein Finsterling in einem verrauchten Hinterzimmer irgendwelche Opferzahlen in Frage gestellt hätte.

Tatsächlich war es aber ein antifaschistischer Vortrag an einer Volkshochschule. Regionalgeschichte. Informationen zum Lagersystem des Dritten Reiches in Baden Württemberg.

Das Gegenteil von Nazi, am Abend vor dem Anschlag.